zurück

"Einmal Mars und zurück"

3. - 19. Jänner 2003

Die Mars Society simuliert in Utah die erste bemannte Marslandung. In der Crew 11 war erstmals auch ein Österreicher vertreten. Gernot Grömer war für die Betreuung der astronomischen Experimente und als Medical Officer für die Gesundheit der Besatzung verantwortlich. In einem Brief sind die Erlebnisse dieser Expedition beschrieben.

Brief vom "Roten Planeten"

Lieber Christoph!

Ausblick vom Rim
Ich hatte meine Bewerbung für die Mars Desert Research Station vor mehr als einem Jahr schon fast vergessen, als vor drei Monaten eine Email vom Selektionskomitee in meiner Mailbox landete. Der erste Satz: "Die Mars Society ist interessiert, Sie in der kommenden Feldsaison in der Crew 11 einzusetzen." Und weiter: "ob ich noch Interesse hätte" Ob ich noch Interesse hätte? Ein unterdrückter Freudenruf, ein Aufspringen vom Sessel an diesem regnerischen Herbsttag im Büro am Institut für Astrophysik der Universität Innsbruck, eine Sturm von Gedanken geht mir durch den Kopf: wann ist meine Zuteilung? Welche Experimente werden wir machen? Wer sind meine Team-Kollegen?

Die Mars Society ist eine private Forschungsorganisation, welche die Erschließung des Planeten Mars vorantreibt: von der Entwicklung von Hardware im Auftrag der NASA bis hin zu kompletten Simulation. Und genau das war es, was auf mich zukam: eine Simulation der der ersten bemannten Marslandung, ein zweiwöchiges Feldexperiment im Rahmen der Rotatation 11, in der ich als einziger Europäer zugeteilt war.

MDRS - die Mars Desert Research Station

Analog-Astronauten von der Sonne beleuchtet
Nahe dem Goblin Valley Nationalpark bei Hanskville liegt eine ausgedehnte Wüsten- und Steppenlandschaft, die den ersten Bildern der Marssonden Viking und Pathfinder verblüffend ähnlich ist: ausgedehnte, felsübersähte Ebenen, verzweigte Canyons aus Sandstein und jede Menge Sand.

Unterstützt wurde unser Team von einem Flugleitzentrum ("Mission Support") in Denver/Colorado. Die einzige Verbindung zur Aussenwelt war eine Satellitenverbindung zu Mission Support die sowohl die Zeitverzögerung zur "Erde" als auch die verringerte Bandbreite der Datenverbindung berücksichtigte. Ausserhalb des Habitates wurden 9 Millibar Druck, das entspricht weniger als einem Prozent des irdischen Luftdruckes, bei einer Durchschnittstemperatur von frostigen -50°C angenommen. Somit durften wir das Habitat während der Simulation nur in Raumanzügen verlassen.

Das Habitat

MDRS Habitat in Utah
Nach einer etwa halbstündigen Fahrt quer durch die Wüste, vorbei an klaffenden Canyons und hochragenden Felsformationen erreichten wir unsere zukünftige Station: mehr als zwei Stockwerke aufragend, ein weißer Zylinder mit sechs Metern Durchmessern - exakt an die Innenmaße der stärksten Trägerraketen der Welt angepasst, nur ein paar Luken und zwei Luftschleusen erinnern daran, dass hier Menschen leben sollen. Crew 10, unsere Vorläuferbesatzung begrüßt uns herzlich, bietet uns eine Tasse Tee an und ehe wir uns versehen hatten, waren wir mitten im Crash Kurs. Die nächsten beiden Tage verbrachten wir mit damit, die Unmengen an Handgriffe zu absorbieren, die man uns beibrachte, wie man einen Analog-Raumanzug anzieht, wie man sich auf einen EVA Extra-Vehicular-Activity, unser Ausdruck für einen Weltraumspaziergang) begibt, Sicherheitsbestimmungen, Protokolle, Befehlskette, etc... mit schwirrt jetzt noch der Kopf, wenn ich an all die Informationen denke, die unsere von der Zeitverschiebung geplagten Köpfe absorbieren sollten. Die Prioritäten sind einfach: an oberster Stelle steht die Sicherheit, dann die Simulation, dann Wissenschaft, dann erst das persönliche Wohlbefinden. Bei einem medizinischen Notfall etwa würde uns ein Helikopter ausfliegen.

Am Rim

Alltag auf dem Mars

Jeden Vorabend öffnete sich ein Kommunikationsfenster und wir koordinierten uns mit Mission Support. Der Tag startete mit Orangensaft, Kaffee und löslichem gezuckerten Weizenpulver oder Haferflocken beim Früh-Briefing in dem die Aktivitäten des Tages geplant werden. Je nach dem welche Experimente für den Tag vorgesehen sind, teilte sich die Crew in zwei Gruppen um einerseits das "House Keeping" zu machen, das sind alltägliche Wartungs- und Routinearbeiten, und andererseits das EVA-Team. EVA steht für Extra-Vehicular-Activity und bezeichnet traditionell den Weltraumspaziergang. Das komplizierte Anlegen der Raumanzüge dauerte etwa eine Stunde, von der Thermounterwäsche über die Aussenhülle, dem "Verkabeln" unserer Anzüge bis hin zum Prüfen der Lebenserhaltungsrucksäcke und Aktivieren der Helmbelüftung. Um das Habitat zu verlassen, musste das jeweilige EVA Team durch eine Luftschleuse um dort die Dekompressionszeit abzuwarten, in welcher der Luftdruck dem simulierten Aussendruck der Marsatmosphäre angeglichen wurde.

Wandern entlang des Rims
Neben der Energieversorgung stellte der Wasserverbrauch eine zentrale Herausforderung an die Mission Support und unsere Crew: je mehr Wasser man auf eine Marsexpedition mit nimmt, um so schwerer wird das Raumschiff. In der Raumfahrt gilt die Gleichung Masse = Startkosten, womit die Gewichtsreduktion einer der wichtigsten Faktoren in der Missionsplanung darstellt.

Ein Kleinteleskop als Überlebensversicherung

Eines der Experimente war der Betrieb eines kleinen Stationsobservatoriums unter Marsbedingungen. Was ein Teleskop auf dem Mars bringt? Ganz einfach: einerseits kann es entscheidende Beiträge zur schnellen Bahnbestimmung für Objekte innerhalb des Sonnensystems, andererseits -im Falle eines Ausfalles der Kommunikation zur Erde- als Frühwarnsystem für Sonnenwind-Stürme dienen. Dieser Strom von geladenen Partikeln und elektromagnetischer Strahlung von unserem Zentralgestirn kann für Astronauten lebensbedrohlich werden, da der Mars kein abschirmendes planetares Magnetfeld besitzt.. Deshalb installierten wir neben dem optischen Observatorium auch eine radioastronomische Überwachungsstation. Diese sieht zwar aus wie eine futuristische Wäscheleine, ist aber eine Art Überlebensversicherung für die Crew.

Auf den Spuren von Dr. McCoy

G. Grömer beim Anziehen des Analog-Anzuges
Auch medizinisch gesehen, ist eine bemannte Expedition zur Oberfläche des Roten Planeten Neuland. Deshalb führten wir im Rahmen der Experimente in der Mars Desert Research Station auch rettungsdienstliche Versuche durch: wie stabilisiert man einen Patienten mit Knochenbruch im Raumanzug, wie gelangt man überhaupt zu einer vorläufigen Diagnose. Wie birgt man einen Astronauten mit Wirbelsäulenverletzung? Wie gelangt man mit einem bewußlosen Patienten durch eine Luftschleuse?

GreenHab - unsere Kläranlage Marke "Mars"

Ein weiteres wichtiges Dauerexperiment war das GreenHab - ein filigranes Treibhaus, das ausserhalb des Habitats konstruiert wurde, betreut wird das Experiment von Kollegen an der Universität Michigan. Darin werden in einem Bioreaktor die flüssigen Abwässer unserer Crew regeniert und als "Grauwasser" dem Zyklus wieder zugeführt, zum Beispiel für die Toilettenspülung. Vier Tanks mit speziellen Wasserlilien halfen, diesen Wasserbedarf zu befriedigen. Unsere festen Abfälle versorgten wir in einer "Incinolet": einer elektrisch betriebenen Verbrennungs-Toilette, die Asche wurde als Nährboden für die Pflanzen wiederverwendet.
Convoy


Mars macht mobil: "Alles Walzer"

Neben den wissenschaftlichen Experimenten gab es natürlich auch eine Serie von nicht ganz so ernst gemeinten Aktivitäten: so führte unser Team eine "Dead Astronaut"-Liste, in der festgehalten wurde, wer wie und wann "virtuell" verunglückt wäre.

Da der Auftrag auch lautete, Aktivitäten des täglichen Lebens unter Marsbedingungen zu versuchen, durfte natürlich auch ein zweiminütiger Walzertanz im Raumanzug nicht fehlen. Das Habitat gilt als Ort der höchsten moralischen Ansprüche, woraus sich auch ein Alkoholverbot ergab: nachdem aber in der Raumfahrt traditionell schon seit Gagarin’s Erstflug geschmuggelt wurde, fand eine kleine Flasche österreichischem Birnenschnaps großen Anklang.

Rettungsaktion am Mars

Crew Selektion

Eine Crew die völlig auf sich alleine gestellt ist muss sorgfältig ausgewählt werden: neben den rein wissenschaftlichen Aufgaben muss sie in der Lage sein, auch mit alltäglichen Problemen fertig zu werden. Nachdem kein Team gegen Verletzungen und Erkrankungen gefeit ist, muss für jedes Besatzungsmitglied ein zweites Notfalls seine Aufgaben übernehmen können. Gesucht sind also keine einzelgängerischen Genies, sondern teamfähige Allrounder: jemand der mit einer Raketengleichung genauso viel anfangen kann wie mit einem Lötkolben. Tatsächlich stellte das "Schicksal" (eine Mischung aus realem Pech und Mission Support) unsere Crew die Anforderung, mit einfachsten Mitteln "Marke Apollo 13" zu improvisieren: so musste etwa nach dem Versagen einer Pumpenschaltung für das GreenHab aus Plastikstangen, einem Stück Draht und einem Klumpen Isololationsmaterial ein neue gebastelt werden.

Crew 11 Gruppenbild
Genau das, denke ich, war eines der aufregendsten Elemente unserer Mission: unsere Aufgabe war es, Prozeduren für etwas zu entwickeln, wo es noch kein Skript gab. In manchen Situationen hatte wohl jeder das Gefühl, die ersten Zeilen in einem Buch mit leeren Seiten zu schreiben. Ganz egal, wie die erste bemannte Mission konkret aussehen wird: einige unserer Erfahrungen werden sicher in der einen oder anderen Form einfließen.

Ad Astra!
Gernot Groemer

Veranstaltungen

17-19. Februar 2012 - Integrationsworkshop ÖWF Innsbruck

Integrationsworkshop zur Vorbereitung des Dachstein Feldtestes im Suitlab Laboratory Innsbruck

15. März. 2012 - "Expedition Mars"

Gernot Grömer im Planetaium Stuttgart - Multimediavortrag mit Gernot Grömer rund um die Forschungsaktivitäten des ÖWF.

Wann: 15. März 2012
Wo: Planetarium Stuttgart

20. März 2012 - Junge Uni Innsbruck "Multi-Culti" - Raketenbastelworkshop

Von  15 bis 17 Uhr heißt es für Kinder wieder, das Weltall mit selbst gebauten Raketen zu erkunden.

12. April 2012: Yuri's Night & Polarstern-Preis Verleihung

Wie jedes Jahr feiern wir am 12. April den Erstflug von Yuri Gagarin. 2012 wird die Yuris Night im Naturhistorischen Museum in Wien stattfinden. Auch der Polarsternpreis 2012 wird im Rahmen der Veranstaltung verliehen.

Wann: 12. April 2012, 18 Uhr
Wo: Naturhistorisches Museum Wien
 

Detail
24.Jun-02. Jul: European Space Camp 2012

Die Europäische Weltraumorganisation ESA sucht und finanziert TeilnehmerInnen für das European Space Camp 2012.

Das European Space Camp auf der nordnorwegischen Raketenbasis Andoya lädt Jugendliche im Alter zwischen 17 und 20 Jahren vom 24. Juni bis 2. Juli 2012 zur Teilnahme am Raketenstarten im Rahmen des European Space Camp 2012 ein.

Die Bewerbungsfrist läuft bis 1. April 2012.

SpaceCamp Webseite

Detail